Der Untergang der Concordia

Written by  //  18. Januar 2012  //  Reisen, Technik  //  No comments

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Es war wie auf der Titanic”, hörte man viele gerettete Passagiere der havarierten Costa Concordia sagen. Ganz sicher werden die meisten, die irgendwann einmal mit wohligem Schaudern den Untergang der Titanic in James Camerons gleichnamigen Filmepos im Kino oder Fernsehen verfolgt haben, einmal damit gerechnet haben, sich selbst in einer ähnlichen Lage wiederzufinden. Und doch gibt es einige erstaunliche Parallelen zwischen den beiden Schiffsunglücken, die genau hundert Jahre auseinander liegen.

Als 1912 die Titanic vom Stapel lief, war die Welt im “Schneller, höher, weiter”-Rausch des post-viktorianischen Zeitalters, das sich in den ersten Hochhäusern der Welt widerspiegelte, in immer neuen technischen Erfindungen wie dem Telefon und dem Auto, und auch in den immer größer werdenden Transatlantikschiffen, die zu jener Zeit die einzige Verbindung zwischen Europa und der neuen Welt darstellten. Nicht anders ist es 2012: Die Welt befindet sich wieder in einem “Schneller, höher, weiter”-Rausch, der wie vor hundert Jahren vor allem von einer Oberschicht gesteuert wird, die sich hohe Renditen für ihre Investitionen erhofft. Heute ist es vor allem die Computertechnologie, die immer wieder vorangetrieben wird. Aber auch im Transportwesen wird immer mehr auf Größe gesetzt: Am deutlichsten ist dies in der Luftfahrtindustrie, wo der Riesen-Airbus A380 neue Maßstäbe setzt. Sicher ist der A380 eine sinnvolle Entwicklung. Wenn ein einziges sparsames Flugzeug soviele Menschen transportiert wie vorher zwei und somit nur noch halb so viel CO2 in die Atmosphäre geblasen wird, ist dies zu begrüßen. Fragwürdiger ist jedoch die Entwicklung in der Kreuzfahrtindustrie, die in den letzten Jahren immer größere Schiffe hervorgebracht hat.

Noch vor zehn Jahren galten Kreuzfahrten als Refugium gutbetuchter Rentner, die sich rund um die Uhr vom Personal verwöhnt durch die schönsten Regionen der Welt schippern ließen und keine größeren Anstrengungen auf sich nehmen brauchten, als den kurzen Gang zum Hafen hinunter um an Landausflügen teilzunehmen. Dann entdeckten Tourismus und Reedereien die Kreuzfahrten als Wachstumsbranche mit einem riesigen unerschlossenen Potenzial. So wurden Schiffe wie die erste AIDA aufgelegt, die damals noch als “Clubschiff” durch die Meere zog und all das bot, was der moderne junge Tourist scheinbar so braucht: Party, Spass, Animation und tolle Events Während Landausflüge früher darin bestanden mit dem Minibus eine Stadtrundfahrt zu unternehmen oder kuriose Einheimische in fernen Ländern für einige Stunden heimzusuchen um folkloristische Darbietungen zu bestaunen und anschließend billige Batikhemden zu kaufen, ist heute eine unglaubliche Bandbreite geboten: Tauchgänge, Golfen und Radtouren gehören ebenso zu den Landausflugsmöglichkeiten wie das traditionelle Sightseeing.

Damit Kreuzfahrten billiger werden konnten, mussten sie zur Massenware umgestaltet werden, denn nur die Masse bringt Geld. Infolgedessen wurden die Schiffe immer größer, bis sie die regelrecht monströsen Ausmaße der Costa Concordia erreichten – mit knapp 300 Metern Länge ist das Schiff länger als so manche Straße. Zu den maximal 2860 Passagieren gesellen sich 1100 Crew-Mitgliedern – auch das sind mehr Menschen als viele Dörfer Einwohner haben. Während die Schiffe heute, anders als die Titanic damals, definitiv genügend Rettungsboote dabei haben müssen, scheint die Frage danach, wie schnell eine solch hohe Zahl von Menschen in einem so riesigen Schiff mit zahllosen Gängen, Treppen und Räumen evakuiert werden kann, kaum gestellt zu werden.

Mit dem “überforderten” Personal mag man da Nachsicht haben: Auch die Passagiere selbst sind gefragt, die sich an Bord wenig Gedanken über Evakuierungsrouten und Sicherheitsprozeduren machen. Hand aufs Herz: Wer von uns schaut denn noch hin, wenn vor dem Start im Flugzeug die Flugbegleiter ihre Sicherheitsdemo vorführen? Und wer wüsste im Ernstfall genau was zu tun ist, wenn das Flugzeug eine Bruchlandung hinlegt oder notwassern muss? Und wer ahnt nicht schon mit den geringsten Physik-Kenntnissen, das ein Schiff in Schieflage nicht nur einen technischen Defekt hat und wartet gelassen in der Kabine auf Entwarnung, statt mit Wertsachen und dicker Jacke an Deck für eine mögliche Evakuierung sofort bereit zu sein?

Wenn das Concordia-Unglück auch nur einen guten Aspekt hatte, dann vielleicht den, dass die “Größer, Höher, Weiter”-Manie der Reedereien nun vielleicht ein Ende hat und sie wieder mehr auf “Klein aber fein” setzen, so dass es bei Unglücken keine unübersichtlichen chaotischen Zustände gibt und gut geschultes englischsprachiges Personal eingesetzt wird, statt den heute oft üblichen Billiglöhnern aus der Dritten Welt. Und dass wieder mehr Leute bei den Sicherheitsinstruktionen des Flugzeug- oder Schiffspersonals zuhören und im Ernstfall wissen, wie sie zu reagieren haben.

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